Ein Infanterist über die Kämpfe auf Guadalcanal 

 

Das Regiment, dem ich angehörte, war das 124. Infanterieregiment, dessen ungefähr 3500 aus Fukuoka stammenden Soldaten von Oberst Oka Akinosuke* befehligt wurden.

 

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 8.12.1941 nahm es als Hauptstreitkraft der Einheit von Generalmajor Kawaguchi Kiyotake (ca. 5400 Mann) am Angriff auf Borneo und im April des darauffolgenden Jahres an den Angriffen auf die philippinischen Inseln Cebu und Mindanao teil. Im Juni übte es auf Koror, einer Insel der südpazifischen Palau Inselgruppe, amphibische Landungen als Vorbereitung für die Operation Jiki (den Angriff auf Fiji und Samoa).

  

Im August 1942 griffen die Amerikaner überraschend den von der japanischen Marine errichteten Flugplatz Lunga auf der Insel Guadalcanal an und besetzten ihn. Da dies für die Flugbasis Rabaul auf Neubritannien eine große Gefährdung darstellte, erhielt meine Einheit eilig den Befehl zur Rückeroberung. Am 16. August verließen wir Palao und fuhren über Truk und Neubritannien nach Shortland auf der Südspitze der zu den Salomonen gehörenden Insel Bougainville, wo wir auf Zerstörer der Marine eingeschifft wurden, mit denen es in Richtung Guadalcanal ging. Zerstörer wurden deshalb genommen, da man wegen der fehlenden See- und Luftherrschaft annahm, dass es langsame Transporter keinesfalls bis Guadalcanal schaffen würden. Auf dem Weg nach Süden wurde der Zerstörer Asagiri mit der 7. Kompanie an Bord von auf Guadalcanal stationierten amerikanischen Jagdflugzeugen mit Bomben angegriffen und versenkt. Vom Kompaniekommandanten abwärts teilten alle Kompanieangehörigen, ungefähr 170 Mann, ihr Schicksal mit dem Schiff. Da sich das vor unseren Augen abspielte, wurde uns klar, dass schwere Kämpfe vor uns lagen. Meine Kompanie konnte glücklicherweise unbeschadet am 31. August um 23 Uhr am Kap Taivu auf Guadalcanal landen. Wir hatten jeder 6 Shoo Reis und andere Verpflegung für ungefähr zehn Tage, 300 Schuss Gewehrmunition und zwei Handgranaten. Da die Route entlang des Meeresstrandes zu gefährlich war, entschieden wir uns, durch den Dschungel zu marschieren, um hinter den Flugplatz zu gelangen. Obwohl ich mich als Führer der Abteilung, die einen Weg durch den Dschungel schlug, mit vollen Kräften einsetzte, kamen wir mit nur wenigen Kilometern pro Tag langsamer voran als geplant. Gemäß Absprache mit der Marine hatten wir strikten Befehl, bis zum 12. September am Angriffspunkt einzutreffen. Von dort aus sollte die Kampfgruppe Kawaguchi unterstützt durch Artilleriefeuer von Schlachtschiffen und Kreuzern den Flughafen angreifen.

Der Ankunftszeitpunkt war zwar für den 12. September befohlen, aber trotz aller Anstrengungen kamen wir nicht wie geplant im Dschungel weiter, sodass wir mit Müh und Not erst am Abend des 13. im Bereitstellungsraum eintreffen konnten. Obwohl zuerst ein Zeitaufschub völlig unmöglich schien, hieß es dann doch, dass es irgendwie gelungen war, von der Marine die Zustimmung zu einer Änderung des Angriffstermins zu erhalten.

  

Normalerweise wird beim Angriff auf eine Stellung das Gelände, die Aufstellung der gegnerischen Kräfte, die Position der schweren Waffen (Maschinengewehre, Geschütze usw.) und einiges andere beurteilt und dann gegen die Schwachstellen vorgegangen. Wir mussten jedoch ohne ausreichend aufklären zu können zum vereinbarten Angriffstermin wider besseren Wissens unvorbereitet blindlings einen Nachtangriff gegen den feindlichen Stützpunkt starten. Wir durchstießen die erste Verteidigungslinie und waren gerade dabei die zweite Linie, in der sich die schweren Waffen befanden, zurückzuerobern, als die Morgendämmerung einsetzte.

 

Gegnerische Kampfflugzeuge belegten uns mit Maschinengewehrfeuer und Bomben, sodass unser Angriff fehlschlug. Bei diesem Gefecht wurde ich um etwa 4 Uhr früh von Maschinengewehrfeuer in den rechten Oberschenkel getroffen, wobei ein Teil der Nerven durchtrennt wurde und ich das rechte Bein nicht mehr bewegen konnte. Irgendwie schaffte ich es, rollend zum Dschungelrand zurückzugelangen. Durch diese Kämpfe fielen mit dem Kompaniechef insgesamt 75 Angehörige meiner Kompanie. Ihre Leichen blieben wo sie lagen; es war unmöglich, sie zu bergen.     

Bis zur Aufgabe der Insel im April 1943** (acht Monate später) folgte dann eine Strapaze nach der anderen. Die Nahrungsvorräte, die wir zum Zeitpunkt der Landung bei uns hatten, waren bis zum 13. September aufgebraucht. Da wir weder über die Luft- noch Seeherrschaft verfügten, gab es überhaupt keinen Nachschub an Munition und Lebensmitteln, sodass Guadalcanal eine Hölle an Hungerqualen war. Aufgrund dieser Bedingungen verhungerten täglich Soldaten. Wir entgingen nur deshalb der völligen Vernichtung, weil die Amerikaner nicht entschlossen angriffen. 

 

Zu dieser Zeit während des Rückzugs durch den Dschungel (Jänner 1943) beurteilten wir unsere Lebenserwartung auf eine merkwürdige Art. Die Zahl der noch verbliebenen Lebenstage in den an ihre Grenzen gelangten Körpern wurde nach statistischen Resultaten wie folgt geschätzt:

 

Wer noch stehen konnte – ungefähr 30 Tage,

wer sich noch aufsetzen konnte – ungefähr drei Wochen,

wer nur mehr liegen konnte – eine Woche,

wer im Liegen urinierte – drei Tage,

wer nicht mehr sprach – zwei Tage,

wer nicht mehr blinzelte – nur mehr diesen Tag.

 

Dieses unwissenschaftliche, unmenschliche Beurteilungssystem schlug nie fehl.

 

Auf Guadalcanal fielen von meinem Regiment 3240 Mann, 200 überlebten den Rückzug.

 

Von der 4. Kompanie, der ich angehörte, fielen 154 Mann, 13 schafften den Rückzug.

 

Die Überreste der Gefallenen liegen noch heute dort.

 

(Erzähler: Hr. Itoh) 


Anmerkungen des Übersetzers:

* Wie im Japanischen üblich steht der Familienname vor dem Vornamen.

** Hier hat sich der Erzähler geirrt. Die Japaner zogen sich bereits im Februar 1943 von Guadalcanal zurück.